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2018-04-12-FB Post Freiberg A81

16. April 2018

Neuer Freiraum für Freiberg – Eine Landschaftsbrücke in hybrider Leichtbauweise mit Wohn- und Bürobebauung soll A81 überspannen und mehr Grün in Freibergs Mitte bringen

Mit einer Teilüberdeckelung des luft- und lärmbelasteten Luftraums über der Autobahn in einer zentralen innerstädtischen Lage, soll die derzeitige Innenentwicklung des Zentrums von Freiberg am Neckar mit einem neuen Stadtquartier qualitätsvoll fortgesetzt werden.

Bürgermeister Dirk Schaible und der Landtagsabgeordnete Fabian Gramling (CDU) stellten heute gemeinsam mit Dr. Michael Herrmann, Geschäftsführer str.ucture GmbH Stuttgart und Dr. Wolfgang Seeliger, Geschäftsführer der Leichtbau BW GmbH, erste konzeptionelle Überlegungen vor. Zwischen der Überführung der Württemberger Straße im Norden und der Unterführung der Bilfinger Straße im Süden möchte die Stadt über eine Länge von ca. 450 m die Autobahn in hybrider Leichtbauweise mit Wohn- und Bürogebäuden sowie öffentlichen Grünflächen überbauen. Ein von Lärm- und Luftverschmutzung geprägter Einschnitt soll so zu hochwertigen Grün-, Wohn- und Geschäftsbereichen konvertiert werden. Ziel ist ein neues Wahrzeichen für die Innovationskraft der Stadt und erstmals ein breiter Brückenschlag als städtebauliche Verbindung zwischen den bisher getrennten Stadtteilen. Zukunftsmusik? Sicher. Aber im Freiberger Rathaus waren dazu erstmals leise Klänge der Ouvertüre zu vernehmen.

Im Rahmen eines Bürgerbeteiligungsprozesses wurde bereits 2011 die Weiterentwicklung des Zentrums von Freiberg am Neckar angestoßen. Der daraus entstandene Masterplan „Plätze“ von Aldinger Architekten wurde im Mai 2014 als Arbeitsgrundlage für die anstehenden Maßnahmen im Gemeinderat verabschiedet.

Der Beschluss zum Neubau der Oscar-Paret-Schule mit Parkdeck, Sporthalle und Freianlagen als erster Baustein der Umsetzung dieses Plans, steht für Mitte dieses Jahres an. 2021 soll die Schule und 2023 die Sporthalle bezogen werden. Die Fertigstellung der Freianlagen ist für 2024 geplant.

Parallel werden die Pläne zur Realisierung von Wohn- und Geschäftshäusern, Grün- und Freiräumen für Bürger, sowie öffentlicher Einrichtungen als weitere, dem Schulneubau folgenden Bausteine im Zentrum fortgeschrieben.

Auch die bestehende Nahwärmeversorgung für das Zentrum und die umliegende Wohnbebauung soll im Einklang mit der neu entstehenden Bebauung unter ökologischen Gesichtspunkten weiterentwickelt werden.

In Freiberg a. N. wird bereits seit Jahrzehnten über eine Überdeckelung der innerstädtisch verlaufenden A81 nachgedacht.

Aktuelle Gutachten zu Schall- und Luftschadstoffimmisionen, die im Rahmen der Erstellung des Bebauungsplanes in Auftrag gegeben wurden, zeigen einmal mehr Handlungsbedarf für eine vom Verkehr belasteten Stadt mit täglich rund 125.000 Fahrzeugen auf der mitten durch Freiberg a.N. führenden A81.

Folgerichtig wurde letztes Jahr auf gemeinsame Initiative von Bürgermeister Dirk Schaible und des Landtagsabgeordneten Fabian Gramling das Stuttgarter Ingenieurbüro str.ucture vom Gemeinderat mit einer Machbarkeitsstudie für eine Überdeckelung beauftragt, deren erste konzeptionelle Ergebnisse nun vorliegen.

„Flächengewinnung zur Stadtentwicklung kann künftig nicht mehr alleine darin bestehen, Freiflächen zu versiegeln. Die Überdeckelung der Autobahn sehen wir daher als ökologisch sinnvollen und städtebaulich richtigen Ansatz, neu über bebaubare Flächen der Zukunft nachzudenken, gerade bei örtlichen Gegebenheiten wie hier bei uns in Freiberg a.N. Uns ist allen bewusst, dass unsere Überlegungen eher einem Marathonlauf als einem Kurzstreckensprint entsprechen. Abe wenn man ein Ziel erreichen will, muss man sich auf den Weg machen. Wir sehen deshalb den heutigen Tag als Auftakt für eine ganze Reihe von Gesprächen, die wir nun mit dem Land und dem Bund führen möchten, um diese ebenfalls für unsere innovative Idee zu begeistern“, sagte Bürgermeister Dirk Schaible.

„In Freiberg kann Zukunft geschrieben werden. Wir haben die Chance, Stadtentwicklung ganz neu zu denken. Wohnraum ohne Flächenfraß, Autobahnausbau trotz extrem naher Wohnbebauung und Schaffung eines attraktiven und lebendigen Stadtzentrums – hier kann aus einer visionären Idee ein konkretes Projekt werden, das Lebensqualität und Mobilität ideal verbindet und dabei immer den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Mit der Internationalen Bauausstellung haben wir die einmalige Gelegenheit, den Scheinwerfer auf ein Leuchtturmprojekt weit über die Grenzen der Region Stuttgart hinaus zu richten“, so der Landtagsabgeordnete Fabian Gramling.

„Mehr Lebensqualität in der Stadt könnte die innovative Kommune Freiberg am Neckar dank des Konzepts von str.ucture gewinnen – und das bei gleichzeitig 90 Prozent weniger Materialeinsatz gegenüber herkömmlichen Lösungen“, ergänzte Dr. Wolfgang Seeliger, Geschäftsführer der Leichtbau BW GmbH.

Die Stadt beabsichtigt, die Planungen für die Überdeckelung unter Einbezug weiterer Ideen aus der Bauwirtschaft und dem konstruktiven Ingenieurbau sowie mit fachlicher Begleitung von Hochschulen weiter voranzutreiben. Hierfür wird der städtebauliche Berater der Stadt, die Wüstenrot Haus- und Städtebau GmbH, einen Antrag für das Förderprogramm „Flächen gewinnen durch Innenentwicklung“ beim Land Baden-Württemberg stellen.

Grundlagen des städtebaulichen Konzepts

Lärmschutz und Luftreinhaltung bei gleichzeitiger Erschließung von Bauland in bester Zentrumslage

Obwohl die Stadtteile Freibergs geografisch verbunden sind, erzeugt die A81 eine starke Zäsur im Zentrum. Das ca. 450 m lange Planungsgebiet überbrückt diesen Einschnitt mithilfe einer geschlossenen Überbauung der Autobahn, womit gleichzeitig eine enorme Reduktion des Lärmpegels für die angrenzenden Quartiere erreicht würde. Zusätzliche Wegeverbindungen für Fußgänger zwischen dem Wohngebiet im Westen und dem Freiberger Stadtzentrum im Osten, lassen die Stadt weiter zusammenwachsen. Ein weiteres Potential der erschlossenen Fläche ist die Nutzung als Wohnraum, wodurch das Planungsgebiet als städtebaulicher Adapter funktioniert. Eine lockere Zeilenbebauung vermittelt zwischen den großen Blöcken und Solitären im Stadtzentrum und der feinkörnigeren Struktur des Wohngebietes mit Ein- und Mehrfamilienhäusern im Westen. Am nördlichen und südlichen Beginn der neuen Grünen Mitte dienen Büroriegel als zusätzlicher Schallschutz für die dahinter entstehenden Wohn- und Grünflächen. Die geringe Dichte der Bebauung lässt viel Raum für private und öffentliche Freiflächen. Unterhalb der Württemberger Straße entsteht ein Park in zentraler Lage, der vorher durch den Lärm der Autobahn noch undenkbar gewesen wäre.

Hybride Bauweise aus Fachwerkkonstruktionen und leichten Grünbrücken spart Material und Kosten

Als Konzept für eine flexible Gestaltung, sowohl aus städtebaulicher als auch gebäudearchitektonischer Sicht, dient ein Hybridsystem: In Bereichen mit Gebäuden und Erschließungsflächen werden Fachwerk-Verbundträger aus Stahl und Beton verwendet um die Brand- und Schallschutzanforderungen zu erfüllen. Die hohe Leistungsfähigkeit eines solchen Systems ermöglicht eine Planung von Gebäuden über die gesamte Breite der Autobahn. Für öffentliche und private Grünflächen wird das System einer von str.ucture entwickelten Grünbrücke in Leichtbauweise gewählt. Die leichten Flächentragwerke bestehen aus Seilnetzen, deren notwendige doppelte Krümmung der Oberfläche mithilfe von Druckbögen und Randseilen erzeugt wird. Eine über dem Seilnetz liegende Membrane bildet den Untergrund für den extensiven Vegetationsaufbau. Die leichte Stahlnetzkonstruktion reduziert den Materialaufwand um ca. 90 Prozent im Vergleich zur herkömmlichen Bauweise, auch die CO2-Emissionen können deutlich reduziert werden. Die Kosten sinken ebenfalls – um geschätzte 50 Prozent.

Ziele der Maßnahme

1. Verbindung getrennter Räume – die drei Freiberger Stadtteile Beihingen, Geisingen und Heutingsheim würden durch den Brückenschlag über die Autobahn besser miteinander verbunden werden.

2. Konversion von lärm- und schmutzbelastetem Einschnitt in Grün- und Wohnbereiche – die A81 führt bei einem derzeitigen Verkehrsaufkommen von rund 125.000 Kraftfahrzeugen am Tag zu einer immensen Lärm- und Luftbelastung für die angrenzenden Wohngebiete beidseitig der A81, sowie das direkt anliegende Stadtzentrum mit der Oscar-Paret-Schule. Die Überdeckelung würde zu einer starken Lärmminderung und Schadstoffreduktion führen und eine ökologische Aufwertung bedeuten.

3. Rückbau der Flächenversiegelung – die weiter annähernd konstant wachsende Flächenversiegelung bedroht ökologische Systeme und die biologische Artenvielfalt. Das Projekt „Neuer FREIRAUM für FREIBERG“ mit einer erweiterten grünen Mitte, würde eine brachliegende Fläche von insgesamt 2,9 ha für eine flächeneffiziente Siedlungsentwicklung zur Verfügung stellen. Anstelle einer weiteren Flächenversiegelung würde hier durch die geplante Durchgrünung ein innerörtlicher „Unort“ über der Autobahn eine starke Aufwertung erhalten.

4. Leuchtturmprojekt für die IBA 2027 und zukunftsweisendes Pilotprojekt – genau 100 Jahre nach der Stuttgarter Weißenhofsiedlung soll die Internationale Bauausstellung (IBA) 2027 StadtRegion Stuttgart ganz neue Antworten finden auf die Frage: Wie leben, wohnen, arbeiten wir im digitalen und globalen Zeitalter? Die Autobahndeckelung könnte Antworten geben auf Fragen zur Mobilität, Lärm- und Schadstoffreduzierung, Baulandmangel, Neues Wohnen, Nachhaltigkeit sowie Leicht- und Ingenieurbaukunst. Die ortsbildprägende, zukunftweisende und ressourceneffiziete Struktur könnte das Ortsbild von Freiberg a.N. als Innovationsstandort definieren und langfristig prägen. Vor diesem Hintergrund gibt es derzeit erste Überlegungen in der Stadt, das Thema im Rahmen der IBA weiter zu verfolgen.

5. Erschließung von Grundstücksflächen für Wohn- und Gewerbebebauung – in Zeiten steigender Bevölkerungsentwicklung und einem akut angespannten Wohnungsmarkt, ist innerstädtischer bezahlbarer Wohnraum kaum noch vorhanden. Als limitierender Faktor für den Neubau wird derzeit meist der Baulandmangel angeführt. Das geplante Vorhaben könnte vor diesem Hintergrund begehrte innerstädtische Flächen aktivieren. Geplant ist eine Nutzungsmischung aus zentrumsnahem Wohnen und Arbeiten, mit kurzen Wegen zum alltäglichen Bedarf des Lebens.

6. Aufwertung der Lebensqualität in der Stadt Freiberg – insgesamt soll ein innovatives städtebauliches Projekt mit dem Ziel entwickelt werden, einen bisher trennenden innerörtlichen Bereich zu verbinden und nachhaltig aufzuwerten.

Wie geht’s weiter?

Als nächstes sollen Gespräche mit Bund und Land sowie möglichen Investoren für den Wohnbau geführt werden. Die Planung soll unter Einbeziehung weitere Fachplaner in die nächste Phase gehen.