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30. September 2020

Blog #28: Junge Menschen könnten die größten Verlierer der Corona-Pandemie werden

Bund und Länder investieren weiterhin Milliarden um Unternehmen zu stützen und Arbeitsplätze zu sichern. Dennoch sind die Auswirkungen der Corona-Krise deutlich zu spüren. Im September 2020 lag die Arbeitslosenquote in Deutschland bei 6,2 Prozent, im März lag sie noch bei 5,1 Prozent. Hoffnungen auf einen Herbstaufschwung am Arbeitsmarkt haben sich nicht erfüllt. Stattdessen stehen wir vor einer zweiten Infektionswelle mit ungewissem Ausgang. Die schlechte Lage auf dem Arbeitsmarkt wirkt sich vor allem auch auf die Arbeitsmarktchancen von jungen Menschen in unserem Land aus. Während sich Schulabgänger in den vergangenen Jahren den Ausbildungsplatz praktisch aussuchen konnten, sieht die Situation inzwischen ganz anders aus. Im September waren in Baden-Württemberg 32.559 Menschen unter 25 Jahren und damit 11.430 beziehungsweise 54,2 Prozent mehr als im September 2019 arbeitslos. Damit leiden sie deutlich stärker als die Arbeitslosen insgesamt unter der Corona-Krise.

Wenn wir – und dazu zähle ich Politik und Wirtschaft gleichermaßen – die junge Generation in diesen schwierigen Zeiten hängen lassen, droht ein sogenannter „Scarring Effect“, der Narbenbildungseffekt, welcher nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und 2009 gut erforscht worden ist. Dabei hat sich gezeigt, dass Arbeitslosigkeit gleich zu Beginn des Berufslebens auch in den darauffolgenden Jahren dazu führt, dass man häufiger arbeitslos wird und weniger verdient als andere Jahrgänge. Dieses Forschungsergebnis sollten wir ernst nehmen. Während sehr gut qualifizierte junge Menschen ihren Weg auch nach der Krise gehen werden, werden Jugendliche mit schlechtem oder ohne Abschluss wesentlich schneller auf der Strecke zurückbleiben und sich als Langzeitarbeitslose in unseren Arbeitsmarktstatistiken wiederfinden. Das birgt enorme soziale Sprengkraft.

Doch auch unseren Unternehmen drohen langfristige Narbenbildungseffekte. Wenn wir jungen Menschen heute keine beruflichen Perspektiven aufzeigen, wenn wir ihnen keine Chancen eröffnen, sie ausbilden, weiterbeschäftigen und weiterbilden, fehlen uns morgen dringend benötigte Fachkräfte. Die Berufsausbildung ist ein erstklassiger Grundstein für eine erfolgreiche und sichere Zukunft, für jeden Einzelnen, aber auch für unsere Unternehmen – denn ohne Fachkräfte keine Innovationskraft und ohne Innovationskraft keine Wettbewerbsfähigkeit. Mit der Ausbildungsprämie für kleine- und mittlere Unternehmen hat die Bundesregierung auf die aktuelle Entwicklung reagiert. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Angebot angenommen wird. Zusätzlich sollten wir genau beobachten, wie sich die Übernahmequoten in den Unternehmen entwickeln und über spezielle Einstellungsfördermaßnahmen diskutieren. Ja, das kostet Geld. Die Frage ist aber, was es uns kostet, wenn wir nichts tun.